Chefin über Nacht
Von Tanja Tricarico
Erschienen im Tagesspiegel vom 04.09.2009
Vor vier Jahren erkrankt Suzanne Helals Mutter schwer. Die Tochter, erst 24, übernimmt das Reinigungsunternehmen – und hat Erfolg
Die Hände in die Hüften gestemmt, steht Suzanne Helal zwischen Kisten und Kartons. Erst vor wenigen Tagen hat sie ihr neues Büro in der Zillestraße in Charlottenburg bezogen. Es riecht nach Farbe, und die wenigen Schränke sind längst nicht befüllt. Suzanne Helal ist Geschäftsführerin der Reinigungsfirma First Class Cleaning Service. Knapp 150 Leute arbeiten für sie. Vor allem Berliner Luxushotels gehören zu ihren Auftraggebern. Ununterbrochen klingelt ihr Handy. Bevor sie ran geht, atmet sie tief durch.
Mitarbeiter wollen mit ihr die nächsten Schichten besprechen, die Personalchefs der Hotels fragen wegen Sonderwünschen an. Bei jedem Anruf klingt ihre Stimme gelassen, doch sie antwortet bestimmt. "Manchmal frage ich mich, wie ich das alles schaffe", sagt die 28-Jährige. Vor vier Jahren hat sie von einem Tag auf den anderen den Betrieb ihrer erkrankten Mutter übernommen. Dass sie später eine weitere Filiale würde eröffnen können, hätte sie sich nicht träumen lassen.
Suzanne Helal machte gerade Abrechnungen, als ihre Mutter über Kopfschmerzen klagte. In den letzten Wochen hatte sie durchgearbeitet. Die Julihitze machte der Mutter zu schaffen und der hohe Blutdruck. Helal schickte sie nach Hause, sie sollte sich endlich ausruhen. Doch die Kopfschmerzen waren alles andere als harmlos. Stunden später sah Suzanne Helal ihre Mutter im Krankenhaus wieder: Blutgerinnsel im Gehirn. Ein Monat Intensivstation folgte, eine halbseitige Lähmung blieb zurück, epileptische Anfälle. Wenn Suzanne Helal über den Zusammenbruch ihrer Mutter spricht, hat sie Tränen in den Augen. Alle Einzelheiten jenes Tages hat sie sich gemerkt. "Damit hat keiner gerechnet", sagt sie. "Mein Bruder und ich waren geschockt." Heute lebt die Mutter in einem Pflegeheim.
Noch im Schock, musste Suzanne Helal über die Zukunft des Unternehmens entscheiden – eine große Bürde für die damals 24-Jährige. Die Mutter hatte lange um ihre Selbstständigkeit gekämpft.
Mitte der siebziger Jahre kam sie aus dem Libanon nach Deutschland. Sie arbeitete als Zimmermädchen, wurde Hausdame in Luxushotels. Lange träumte sie vom eigenen Unternehmen. Als 1988 ihr Ehemann starb, musste sie sich allein um Suzanne und ihren Bruder kümmern. "Wir waren eine Dreierclique", sagt die Tochter. "Wir haben alles zusammen gemacht." 2002 verwirklicht die Mutter ihren Traum und gründet den "First Class Cleaning Service". Ab und zu hilft Suzanne im Geschäft aus, aber eigentlich hat sie ganz andere Pläne: Die Fremdsprachenkorrespondentin will die Welt sehen und einmal als Dolmetscherin in England oder Frankreich arbeiten.
Doch nach der Katastrophe will die Familie den Reinigungsdienst nicht verkaufen, der Bruder will nicht einsteigen. Über Nacht wird Suzanne Helal Chefin von mehr als 180 Mitarbeitern. "Das war ich meiner Mutter schuldig", sagt sie. Doch es folgte eine Bewährungsprobe. Die starke, resolute Frau war bei allen sehr beliebt, viele trauten der Tochter die Führungsposition nicht zu. Enge Mitarbeiter kündigten, die Vertragspartner in den Luxushotels mussten von der Arbeit der Nachfolgerin erst überzeugt werden. "Ich kannte nicht einmal die genauen Arbeitsabläufe", erinnert sich Suzanne Helal.
Sie putzte selbst die Luxussuiten, begleitete ihre Mitarbeiter auf den Reinigungstouren, lernte die Arbeit kennen. Steuerberater, Rechtsanwalt, Buchhaltung. "Die ersten neun Monate waren wirklich hart", sagt sie. Dass sie nicht verzweifelt ist, hat sie vor allem Belgacem Ferchichi, einem langjährigen Mitarbeiter der Mutter, zu verdanken. Von ihm lernte sie, sich durchzusetzen. "Die Arbeit hat mich selbstbewusster gemacht", sagt sie und streicht ihr schwarzes Etuikleid glatt.
Lesen, in die Sauna gehen, sich mit Freunden treffen – ihr bleibt nicht viel Zeit, den Kopf frei zu bekommen. "Die Firma hält sich nicht an geregelte Arbeitszeiten." Jeden Tag bespricht sie sich mit der Mutter. Ehe sie weitererzählen kann, klingelt wieder das Telefon. Die letzten Anweisungen für den Besuch eines Spezialgastes im Luxushotel müssen raus.
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